btong

Klassifikation | Classification:

Autor(en) | Author(s): 
Kaiser, Michael
Jahr der Erstveröffentlichung | Year of original publication: 
2001
Sprache(n) | Language(s): 
Deutsch
Screenshots: 
Deutsche Beschreibung | German description: 

„frau nessel? guten abend. hier spricht der herr ohm aus dem achten stock. hören sie, vor meiner wohnung liegt fräulein tobel. sie scheint bewusstlos zu sein. vielleicht ist sie auch tot, ich kann das nicht beurteilen. ich vermute, da ist alkohol mit im spiel – in dem alter kann man ja ruhig von zeit zu zeit eine weißweinschorle trinken, da sagt ja keiner etwas. könnten sie bitte einmal hinauf kommen und sich das einmal ansehen?“
Wir sind schon mitten in der Geschichte, im zweiten Stock, in dem die Witwe Nessel wohnt, die, wie der Steckbrief am Anfang verrät, am Montagmorgen immer die Mülltonnen an den Straßenrand stellt. Nein, einen Mord gibt es nicht. Frau Tobel ist nur übel wegen der Schwangerschaft, vorausgesetzt, diese ist echt, was Herr Gauch, der Junggeselle aus dem Parterre, ja bestreitet, denn zwischen ihm und Frau Tobel sei nicht mehr geschehen, als dass sie seine Toilette benutzt habe, wo es aber eben passiert sei, beharrt Frau Tobel.
Es geht um ein Päckchen des Erotikversands. Rentner Baas, der Empfänger, scheint nicht da zu sein, und jetzt liegt das Ding im Hausflur herum, eine sittliche Gefahr für die Kinder und eine Versuchung für die Erwachsenen. Was folgt, sind verschiedene Szenen zwischen den Mietern des Hauses, die das Mosaik einer Geschichte bilden. Und wie sich bald zeigt, sind fast alle in diesem ehrenwerten Haus nicht, was sie vorgeben zu sein: Der eine ist gar nicht verheiratet, der andere hat gar keine Freundin, die dritte war einmal Striptease-Tänzerin in der Nachtbar, und Baas, der unverheiratete Rentner, diese „fleischgewordene unflätigkeit“, die sich angeblich vor fahrende Autos werfe, um dadurch Schmerzensgelder vor Gericht zu erstreiten, andere wieder sagen, er habe sich eine Ehefrau aus dem Ausland per Katalog bestellt, Herr Baas – nun, dies wenigstens sei noch nicht verraten.
btong ist ein Hypertext, der die verschiedenen Etagen als Erzählebenen nutzt und sich darüber hinaus drei weiterer Kategorien bedient: Bilder, Gerüche, Farben, die jeweils wieder vier Alternativen – zum Beispiel: desinfektionsmittel, trockenshampoo, pfefferspray, packpapier – anbieten. In der Gebrauchsanleitung heißt es: „mit hilfe der drei auswahlfelder rechts unten können sie jederzeit zwischen ‚bildern‘, ‚gerüchen‘ und ‚farben‘ wechseln: es hängt von dem sinn ab, den sie im moment am liebsten reizen würden. lassen sie sich von bildeindrücken, düften und gerüchen oder farben durch die räumlichkeiten des hochhauses leiten.“
Das klingt hochkomplex, sollte aber niemanden einschüchtern. Mal abgesehen davon, dass Bilder und Farben den gleichen Sinn ansprechen: Dass der Gang durch die Geschichte dann wirklich durch Geruchs- und Gesichtssinn bestimmt würde, lässt sich nicht bestätigen. Man hätte auch nach den zu jedem Text aufgeführten Zeitpunkten (Mittwochabend, Sonntagnachmittag usw.) einteilen können. Überhaupt scheint da einiges nicht zu stimmen, denn die Texte tauchen unter den verschiedenen Labels auf, was ihren Einfluss auf die Sinneseindrücke nicht in erkennbarer Weise ändert. Insgesamt passt das Hypertext-Setting aber gut zur ganz amüsant erzählten Geschichte. Denn solche Dinge in solchen Hochhäusern ereignen sich ja in der Tat in kleinen, lose verbundenen, einander überlappenden Häppchen.

Quelle: Roberto Simanowski (Hrsg.): Literatur.digital. Formen und Wege einer neuen Literatur. München: Deutscher Taschenbuch Verlag, 2002, S. 165-167.

Autor der deutschen Beschreibung | Author of German description : 
Roberto Simanowski