Cocktailstories

Klassifikation | Classification:

Autor(en) | Author(s): 
Metzger, Jochen
Jahr der Erstveröffentlichung | Year of original publication: 
2001
Sprache(n) | Language(s): 
Deutsch
Screenshots: 
Deutsche Beschreibung | German description: 

„Cocktails mixen und Geschichten dazu passend serviert bekommen.“ So wird der mediale Mehrwert dieses Projekts angepriesen. „Oder einfach aus dem Menu einen Drink aussuchen und dann zu den Stories springen“, geht der Text weiter. Es stimmt freilich bedenklich, dass man den Effekt auch umgehen kann. Kommt es etwa gar nicht auf ihn an? Wie funktioniert er eigentlich genau?
Es gibt einen Kreis an Zutaten um einen Cocktailshaker herum: Wodka, Preiselbeersaft, Triple Sec, Southern Comfort, Weißer Rum, Milch, Pfeffer, Zucker, alles woraus Cocktails gemacht sind. Schiebt man nun Triple Sec in den Shaker, wird die Hälfte der verbleibenden Zutaten blass. Denn sie mischen sich nicht mit Triple Sec, jedenfalls nicht nach Maßgabe des hier Vorgegebenen, und scheiden somit aus. Gießt man Wodka auf den Triple Sec, bleiben nur noch Preiselbeersaft, Ananassaft, Grenadine und Lime Juice zur Wahl. Nimmt man Grenadine, will nur noch Ananas mit, und das wäre ein „Pink Pussy Cat“, dessen Geschichte nach dem Bild eines wackelnden Cocktailshakers erscheint. Im Kopf des Textes ist der Drink dann allerdings nur mit Wodka, Ananassaft und Grenadine angegeben. Kein Triple Sec. Hat sich die Bardame geirrt? Oder der Programmierer?
Wie auch immer: Das Prinzip ist durchschaubar. Es gibt Kombinationen, die sich reduzieren durch die Wahl des ersten und jedes weiteren Kandidaten. Dass sich Milch mit Pfeffer, Zucker und Zitronensaft mixt, ist nicht vorgesehen. Vielleicht ist das ja ganz gut so. Jedenfalls sind die Mixoptionen der User beschränkt, nämlich auf genau acht Cocktails, die jeweils mit einem immer gleichen Text erscheinen. Man kann also keineswegs – als Realisierung eines gewissermaßen doppelsinnig flüssigen Hypertextes – Geschichten mixen, man kann immer nur eine der vorrätigen Geschichten wählen. Der Unterschied ist einer des Konzepts: In manchen Bars darf man sagen, was alles in den Mixer soll, in anderen wissen das die Bartender besser und fordern nur den Namen der Drinks ab. Die heißen hier übrigens: White Russian, Pink Pussy Cat, Cosmopolitan, Zombi, Sex on the Beach, Bloody Mary, Kamikaze, Florida Comfort.
Was nun den Pink Pussy Cat angeht, den trinkt besonders gern Sebastian, der Alkoholiker-Mönch, der am liebsten den ganzen Tag sein Laken mit hübschen Frauen teilen würde, wie er dem Erzähler beim fünften Glas in einer Cocktailbar am Ufer des Douro bekennt –  bevor er, nach weiteren Schlücken, der schönen Fado-Sängerin zu Füßen kniet, vom kräftigen Spross des Baumes kündet und den Reißverschluss seiner Hose öffnet, so dass der schweigende Gitarrist das erste Mal an diesem Abend seine Sonnenbrille abnimmt, den Barhocker verlässt und mit etwas in der Hand zum Benediktinermönch herüberkommt, das anders aussieht als eine Gitarre.
Andere Geschichten sind nicht minder krass. Kamikaze etwa – dies wäre Wodka, Triple Sec und Lime Juice –, wo man Katharina begegnet, die sich im Amazonasgebiet beim Baden einen Wurm in die Gebärmutter zog, der beim nächsten Mond zwar freiwillig herauskam, sie aber seitdem von Würmern träumen lässt, die in einer Tropfsteinhöhle nahe der französischen Küste sie mehrmals vergewaltigen und ihr mit ihren Hakenborsten das Jungfernhäutchen ins Gesicht schmierten.
Oder die Geschichte von Julia in Sex on the Beach – Wodka, Pfirsichlikör, Orangensaft, Preiselbeersaft – , die die Missionarsstellung langweilte. Und die Geschichte zu White Russian – Wodka, Kahlua, Milch – von der ehemaligen Weinkönigin aus Bernkastel-Kues, die nach zwei Semestern Klassische Philologie in das Weingeschäft ihres Vaters zurückging und nun an der Bartheke des Funky Abbey über Gewichtsprobleme klagt.
Ohne Frage: Die Geschichten sind mit viel Witz erzählt. Die Lektüre wird jedoch getrügt durch den schwerfälligen, wenig kooperativen Navigationsmechanismus. Überhaupt hat man den Eindruck, diese Texte würden in einem Buch einen viel besseren Eindruck machen, selbst wenn man dann nicht die Zutaten erst selbst in den Cocktailshaker werfen muss. Aber da ist man beim Grundproblem des Hypertextes und ähnlicher Passiv-Aktiv-Konstellationen: Sei es Cocktail oder Sandwich – manchmal möchte man einfach das Ding haben und testen und nicht erst sagen müssen, was man selbst sich darunter vorstellt und ob das nun mit Whole Bread oder French Bread, mit Italian oder Russian Dressing, mit Salat oder ohne, rare, medium oder well done geschehen soll. Zumindest, wenn man in Deutschland aufgewachsen ist.

Quelle: Roberto Simanowski (Hrsg.): Literatur.digital. Formen und Wege einer neuen Literatur. München: Deutscher Taschenbuch Verlag, 2002, S. 172-174.

Autor der deutschen Beschreibung | Author of German description : 
Roberto Simanowski